Schwabing - Das Stadtteilbuch

Das Buch Schwabing - Das Stadtteilbuch wurde von Reinhard Bauer herausgegeben und großenteils auch verfasst. Es erschien 1993 und wurde 1997 neu aufgelegt.

Auszüge

Aus Schwabings Geschichte

Schwabing war stets auch ein politisches Pflaster und ein Nährboden für Politiker.

Der Schwabinger Ludwig QuiddeW (1858–1941) war von 1907 bis 1918 Landtagsabgeordneter der Deutschen Volkspartei und gehörte 1919 der Deutschen Nationalversammlung an. Er bekannte sich seit 1900 zum Pazifismus und war von 1914 bis 1929 Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft; 1927 erhielt er den Friedensnobelpreis.

Der Philosoph Georg von HertlingW wurde 1912 Ministerpräsident von Bayern und 1917 Reichskanzler und Preußischer Ministerpräsident. Als Studenten erlebten spätere Politiker die Schwabinger Bohême Ernst ReuterW, der später Bürgermeister von Magdeburg und Berlin wurde, oder Theodor HeussW, der erste deutsche Bundespräsident.

Die Möglichkeit, hier relativ ungestört politisch arbeiten zu können, lockte auch Ausländer nach Schwabing. Solange sie zahlen konnten, betrachtete die Polizei auch Verdächtige, die natürlich überwacht wurden, als Teil des Fremdenverkehrs und ließ sie weitgehend unbehelligt.

Hier lebten die Väter der Russischen Revolution Leo TrotzkiW und Wladimir Iljitsch LeninW und seine Lebensgefährtin Nadeshda KrupskajaW, erste Kulturministerin der jungen UdSSR.

Nadeshda Krupskaja, die Frau des russischen Revolutionärs Lenin schilderte in autobiographischen Aufzeichnungen und Briefen ihr Leben im Exil: Lenin ließ sich 1900 in der Kaiserstraße nieder, ohne sich offiziell anzumelden, nannte sich ”Meyer“ und zog im Jahr darauf in die Siegfriedstraße um. Seine Lebensgefährtin Nadeshda Krupskaja charakterisierte das soziale Umfeld.

Nach meiner Ankunft zogen wir zu einer deutschen Arbeiterfamilie. Die Familie war recht groß, sie bestand aus sechs Personen. Sie hatten nur eine Küche und eine kleine Kammer. Aber es herrschte überall peinliche Sauberkeit, die Kinder waren sehr sauber und gut erzogen. Ich beschloß, Wladimir Iljitsch mit häuslicher Kost zu versorgen, und begann selber zu kochen. Ich kochte in der Küche der Wirtsleute, mußte aber alles in unserem Zimmer zubereiten. Ich bemühte mich, dabei sowenig Geräusche wie möglich zu verursachen, denn Wladimir Iljitsch schrieb damals schon an seiner Broschüre „Was tun?“. [...] Nach einem Monat bezogen wir eine eigene Wohnung in einem der zahlreichen großen Neubauten in der Münchner Vorstadt Schwabing [Siegfriedstraße 14] , schafften uns „Mobiliar“ an (das wir bei der Abreise für insgesamt 12 Mark wieder verkauften) und lebten wieder auf unsere Art.

Wir gingen [...] manchmal in Versammlungen, aber sie waren im allgemeinen wenig interessant. Sie gaben wenig Inspirationen für die große Weltrevolution, die von Schwabing aus geplant wurde.

Krupskaja schildert ihr Alltagsleben in Briefen an Verwandte und Freundinnen in Russland:

7. Juni 1901

Wir sind hier recht gut untergekommen, haben eine eigene Wohnung. Die Mieten sind hier niedriger als in so (verhältnismäßig) großen Städten in Russland; für die Einrichtung haben wir uns billige gebrauchte Möbel gekauft, [...] das Wirtschaften ist hier viel einfacher. Auch die Gegend ist sehr schön; wir wohnen am Stadtrand, in der Nähe gibt es einen Park mit viel Grün. Die Verbindung zum Zentrum ist Dank der elektrischen Straßenbahn vorzüglich.

11.Juni 1901

[...] hier vereinen sich für uns die Annehmlichkeiten der Großstadt - Läden, die Elektrische u. dgl. mit der Nähe der Natur. Gestern zum Beispiel machten wir einen prächtigen Spaziergang auf der Landstraße. Es ist eine wundervolle Straße, beiderseits mit Pappeln bepflanzt, und ringsum Felder und Gärten. Weiter weg sind wir nur einmal gefahren, aber wir hatten Pech, wir kamen in ein Gewitter und waren nachher sehr müde.

17. Juli 1901

Wir haben zum Beispiel die Möglichkeit, jeden Tag in einer sehr guten Badeanstalt verhältnismäßig billig zu baden, können Spaziergänge machen, und man hat es nicht weit, bis man aus der Stadt heraus ist. Der Straßenverkehr ist hier ungleich geringer als in einer gleich großen russischen Stadt.

Das kommt daher, dass die elektrische Straßenbahn und die Fahrräder die Pferdedroschken gänzlich zurückdrängen. Und der Verkehr von Fuhrwerken ist in dem Vorort, wo wir wohnen, völlig unbedeutend. Wir sind mit unserem Aufenthaltsort zufrieden und beabsichtigen nicht, aufs Land oder in die Sommerfrische zu gehen.

3. August 1901

[...] das Wetter ist sehr wechselhaft. Jetzt regnet es wieder seit Tagen. Der Sommer ist diesmal so, dass man ihn in der Stadt sogar besser verbringt als auf dem Lande.

Ein anderer, der die Welt beeinflussen sollte, kam ein Jahrzehnt später nach München. Der Postkartenmaler Adolf H. wohnte in der angrenzenden Maxvorstadt. Doch war er oft in Schwabing, in dessen Dunstkreis er auch viele Freunde fand. Auch Gegner der NSDAP, wie Wilhelm Hoegner oder die Widerstandskämpfer Hermann Frieb und die Mitglieder der Weißen Rose lebten hier.

In der Zeit nach 1945 wurde Schwabing wieder Schauplatz der kleineren Politik. In der Wohnung von Josef Müller, genannt Ochsensepp wurde 1946 die CSU gegründet.

In der Wilhelmstraße wohnte der Politiker und Publizist Professor Dr. Peter GlotzW. Der spätere Oberbürgermeister Christian Ude, die erste Frau als Bürgermeisterin in der Stadtgeschichte von München, Sabine Csampai, oder die frühere 2. Bürgermeisterin Dr. Gertraud Burkert wurden hier geboren und die Stadtbaurätin Christiane Thalgott wohnt hier.

Sozis

Die Arbeiterbewegung blickt in Schwabing, dank der Maffeischen Fabrik, auf eine lange Tradition zurück. Mindestens seit 1873 gab es eine Sektion Schwabing der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Auf dem SPD-Gründungsparteitag 1869 in Eisenach war dieser Ort neben München als einziger aus Oberbayern vertreten. Bei der Mandatserklärung wurden dort 18 Mitglieder angegeben (zum Vergleich: München 150, Bayern 1121, Deutsches Reich 9273).

Bild:Doppelwohnhaus Gedonstraße 4 und 6 um 1900, Architekt: Martin Dülfer Georg von Vollmar, der spätere Abgeordnete und langjährige Vorsitzende der bayerischen SPD, der ab 1891 einen gemäßigt reformerischen Kurs verfolgte („Königlich bayerischer Sozialdemokrat“), wurde 1887 von der Polizei als Schriftsteller in Schwabing geführt.

Die von 1878 bis 1890 durch das Sozialistengesetz verbotene Partei wuchs trotzdem und wurde am Ende des 19. Jahrhunderts bei den Kommunalwahlen in Schwabing stärkste Kraft.

Die SPD führte natürlich auch zahlreiche Veranstaltungen durch. So sind wir über eine öffentliche Versammlung der Sektion Schwabing am Samstag, den 17. November durch den Bericht eines Polizeispitzels informiert. Eingeladen war für abends acht Uhr in das Gasthaus “Zum Goldenen Onkel” in der Kaiserstraße 53 (heute 46). Der Sektionsführer Teufelhardt eröffnete dann um neun Uhr, um dem Referenten, dem Redakteur Martin Gruber, zu dem angekündigten Thema “Die Bedeutung des Bürger- und Heimatrechtes” das Wort zu geben. Dieser informierte über die Rechtslage und ging dabei mit den Herrschenden scharf ins Gericht. Er griff neben Magistrat und Gemeindebevollmächtigten auch die “Terraingesellschaften” an und wetterte über den Saustall der Korruption: Es ist keine Ehre, im Magistrat zu sitzen, wenn Männer darin sind, die Plätze ankaufen und dann zum Bau eines Spitals teuer an der Magistrat verkaufen. Um solche Zustände durch Kommunalwahlen zu ändern, müssten auch die Arbeiter das Bürgerrecht, durch dessen Erlangung man erst wahlberechtigt wurde, erwerben, auch wenn es 85 Mark kostet; Beamte dagegen hatten nur drei Mark zu bezahlen.

Nach dem Referat gab es eine Pause von zehn Minuten, dann meldete sich ein Genosse Josef Schmidt zu Wort, pflichtete dem Vortragenden bei und forderte alle Arbeiter auf, das Heimat- und Bürgerrecht zu erwerben. Um zehn Uhr schloss danach der Vorsitzende die Versammlung. Wie die Wahlergebnisse zeigen, hatte diese Aktion Erfolg.

Parteilokale der SPD

In der Kaiserstraße war 1900 kein Mangel an Wirtshäusern: Neben “Zum (Goldenen) Onkel” gab es “Zur Goldtante“, ”Kaiserstüberl“, “Kaiserhof”, “Kaisergarten” und zwei kleine sozialdemokratische Nachbarschaftslokale, “Rote Fahne” und “Solidarität”. Georg Rittmayer, Wirt des “Onkels”, hatte das Lokal erst 1899 erworben.

Im Meldebogen hatte er sich nicht nur als Wirt, sondern auch als Brauereibesitzer, Hausbesitzer, Früchtehändler und Geschäftsführer eingetragen. Er war Sozialdemokrat, inserierte öfter in der Parteizeitung “Münchener Post” und empfahl dort seine Lokalitäten für Versammlungen und Festivitäten. Er bezeichnete dabei “Zum Onkel” als Vereinslokal der Sektion und des Bürgerrechtsvereins Schwabing. Das Geschäft lief aber wohl nicht besonders gut, denn bereits 1903 verkaufte er wieder und zog in die Ursulastraße um. Bei diesem Genossen Rittmayer, der offenbar in höchsten Parteikreisen als zuverlässig und verschwiegen galt, wohnte Lenin in der Kaiserstraße.

Aus dem Arbeitermilieu ging auch der 1910 bezeugte “Volkschor Schwabing” hervor. Er zeichnete sich dadurch aus, dass er „gemischt“ war, d.h., dass auch Frauen mitsingen durften, denen ja im Kaiserreich vereinsmäßige, besonders aber politische Betätigung nicht gestattet war.

Luftbild: Das südliche Schwabing von Westen um 1902. Im Vordergrund liegt das Kasernengelände zwischen Infanterie-, Kathi-Kobus- und Elisabethstraße. Dahinter sind die noch kaum bebauten Winzerer- und Schleißheimer Straße zu erkennen. Am rechten Bildrand liegen die Kirchen St. Joseph und St. Ludwig. Die Bebauung mit Mietshäusern beginnt erst an der Tengstraße.

Parteitag in der Schwabinger Brauerei

Bild: Schwabinger Brauerei (zwischenzeitlich Karstadt, Leopoldstraße) vor der Zerstörung 1942

1902 wurde vom 14. bis 20. September der »Reichsparteitag« der SPD in der Schwabinger Brauerei abgehalten. Im Protokoll über die »Vorversammlung« dieses SPD-Parteitages wird auch das Ambiente im größten Lokal Schwabings geschildert: …Der Garten der Brauerei, über deren Pforte ein rotes mit roten Fähnchen in den Landesfarben geschmücktes Schild den Delegierten: Willkommen, Vertreter der Arbeit! zuruft, ist ebenso wie die inneren Räumlichkeiten des großen Lokals überfüllt. Zu Tausenden sind die Münchener Arbeiter und Arbeiterinnen zusammengeströmt, um an der Eröffnung des Parteitages teilnehmen zu können.

Der große Nebensaal, der an den Kongresssaal stößt, bietet mit der tiefen Mittelgalerie zwischen den beiden Sälen nicht genügend Raum für die Kopf an Kopf gedrängt stehenden Massen. Übervoll ist auch der prächtige Kongresssaal, an dessen vier Längstafeln die Delegierten Platz genommen haben. Tannenreisig und Tannengirlanden schmücken die Säulen und Wände, Schilder erinnern an die früheren Parteitage der Gesamtpartei und der bayerischen Sozialdemokratie, herrliche Seidenfahnen hängen herab: die Banner aller pfälzischen Arbeitervereine.

Eine Kolossalbüste der Freiheit, wie sie zuerst im Kongresssaal zu Hannover die Vertreter der Partei begrüßte, sieht aus einem Hain immergrüner Pflanzen neben der breiten Tribüne, auf der das Präsidium sitzen wird, auf die Delegierten herab. Gesang der Münchener Arbeitergesangvereine »Echo«, »Nordwest" und »Vorwärts« ging der Eröffnung des Parteitages voraus.

Luftbild: Das südliche Schwabing von Westen um 1902. Im Vordergrund liegt das Kasernengelände zwischen Infanterie-, Kathi-Kobus- und Elisabetbstraße (links). Dahinter ist die noch kaumbebaute Winzerer- und Schleißbeimer Straße zu erkennen. Am rechten Bildrand liegen die Kirchen St. Joseph und St. Ludwig. Die Bebauung mit Mietshäusern beginnt erst an der Tengstraße.

Buchdaten

Schwabing. Das Stadtteilbuch. München, Bavarica-Verlag Bauer, 1993. 2. Aufl. 1997. 175 S. ISBN 9783929307009